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Fundstück: Der „Knastladen“ aus NRW

26. Juli 2017 · Beitrag von Torsten Paßmann in den Kategorien: Kolumne

Vor ein paar Wochen hatten wir an dieser Stelle schon einmal auf die „handwerklichen Haftsachen“ aus Bayern aufmerksam gemacht. Jetzt werfen wir einen Blick in das viertgrößte Bundesland – allerdings einen skandalfreien.

Resozialisierung statt Bereicherung*

Während aus anderen, südlich in der Republik gelegenen Bundesländern schon bekannt wurde, dass handwerklich extrem geschickte Dreifachmörder Miniaturen von Mercedes-Brenz-Cabriolets bauen, die vom Unternehmen des Arztes der zuständigen Psychiatrie für schlanke 15.000 EUR verkauft wurden, sind solche Geschichte aus dem Gebiet zwischen Rhein und Weser nicht bekannt.

Tatsächlich stehen hier Arbeit und sinnvolle Beschäftigung als wesentliche Bestandteile der Resozialisierung von Strafgefangenen im Vordergrund. Die Produktionen, mit denen die Wiedereingliederung in den Arbeitsprozess nach der Entlassung gefördert werden soll, reichen dabei von „einfachen in reiner Handarbeit gefertigten Dekorationsartikeln bis hin zu maschinell in Serie hergestellten Standardbüromöbeln“, wie es auf knastladen.de heißt.

Vierstellig: Büromöbel und eine Müllbox

Die beiden teuersten Produkte laufen über die Zentrale und sind die „elektromotorische Zentraleinheit mit Anbautisch links“ bzw. die „elektromotorische Zentraleinheit mit Anbautisch rechts“. Für die stufenlosen von 650 bis 1.300 mm höhenverstellbaren Bürotische mit einer Breite von 2390 mm und einer Tiefe von 2190 mm werden jeweils 1.400 EUR aufgerufen.

An zweiter Stelle liegt die JVA Remscheid, die hauptsächlich auf Schuhe – von Sandalen über Clogs bis zu Herrenboots – spezialisiert ist und deren Preisspanne von 20 bis 55 EUR reicht. Am oberen der Skala liegen der Tisch „Echt-Stabil“ mit 560 EUR, die Gartenbank „Echt-Edelstahl“ mit Lehne mit 580 EUR und insbesondere die Edelstahl-Müllbox ab 1.275 EUR.

Knapp darunter rangiert der „Dauerlaststuhl Modell XXXL O665J“ aus der JVA Münster für Personen von 120 bis 200 kg, der es selbst auf ein Gewicht von 33 kg und einen Preis ab 1.220 EUR bringt.

Für die Party und/oder den Garten

Ein deutlich attraktiveres Verhältnis von Preis zu Gewicht als der Bürostuhl (knapp 37 € / kg) weist der Turnierkicker aus der JVA Hamborn auf: Mit 70 kg ist er etwas mehr als doppelt so schwer, kommt mit 398 EUR aber nur auf ein Drittel des Preises – was unter dem Strich ca. 5,70 € pro kg ergibt. Kurzfristig für das Sommerfest der Kanzlei wird der Kicker aber vermutlich nicht zur Verfügung stehen, da er nur auf Bestellung gefertigt wird.

Anders sieht es für Freunde der gepflegten Partykultur aus, sei es bei der Feier eines M&A-Deals, dem ritualisierten Ausklang der Bürowoche oder schlicht privat: Aus der JVA Castrop-Rauxel gibt es einen Zapfbock für handelsübliche 5-l-Fässer, der sofort lieferbar ist und gerade nur 51 EUR statt 83 EUR kostet. Wer den in Handarbeit gefertigten, dreiteiligen Zapfbock aus Edelstahl in den Garten stellt, kann das mit „gewichtigen“ Möbeln aus der JVA Kleve kombinieren: Gabionen-Grills, –Bänken und –Tischen zu Preisen zwischen 140 und 294 EUR. Wer „Gabionen“ gerade nicht einsortieren kann – das sind die mit Steinen gefüllten Gitterkonstruktionen.

Und damit auch die Vögelchen schön im Garten zwitschern, sollten auch Nistkästen angebracht werden. Angebote für faktisch jeden Geschmack gibt es u.a. bei der JVA Bielefeld-Senne (z.B. als Walmdach für 25 EUR), bei der JVA Essen (z.B. als Schwedenhaus für 16,50 EUR) und bei der JVA Heinsberg (z.B. als Vogelhaus „Eisenheim“ für 49,50).

Angebote für die Familie und den Haushalt

Im Wortsinne kommen aber auch die Kleinsten im Haushalt zu ihrem Recht: für Hamster, Meerschweinchen und Kaninchen gibt es u.a. aus Dortmund verschiedene Nagerhäuser vom einfachen Modell „Ecke“ für 7 EUR bis zur Buddelkiste für 39,50 EUR. Hundespielzeug zur Stimulierung der geistigen Fitness wird in der JVA Willich hergestellt.

Wer bei der Eingangsfloskel mit den „Kleinsten“ eher an den Nachwuchs gedacht hat, wird in Attendorn bzw. Bielefeld-Brackwede fündig: Aus der einen JVA kommt Holzspielzeug wie LKW, Züge oder ein Bügelbrett, aus der anderen JVA das Holzschwert „Exknastibur“ für 9 EUR.

In unterschiedliche Ecken des Hauses passen Bilder (allesamt Unikate) aus der JVA Rheinbach, besonders gut in der Küche aufgehoben ist das Kochbuch „Kochen hinter Gittern“. Auf der Pendelstrecke zwischen Fernseher und Biervorrat fühlt sich dagegen der Holzträger mit dem Wappen der oft als „Fohlenelf“ apostrophierten Borussia aus Mönchengladbach wohl.

Weihnachtliche Produkte gehen immer

Auch wenn es im Sommer noch etwas früh sein mag: Perspektivisch lohnt sich der Besuch von knastladen.de auch für jene, die (immer noch) kein Weihnachtsdekor haben oder sich eine neue bzw. zusätzliche Krippe anschaffen wollen.

So gibt es beispielsweise aus den Justizvollzugsanstalten Aachen, Attendorn und Schwerte eine bunte Vielfalt an Krippenfiguren, aus Dortmund eine gute Auswahl an Krippen und aus Werl ein umfangreiches Sortiment an Lichterbögen.

Darüber hinaus verstehen sich die Aachener auch als Produzenten u.a. von Weihnachtskerzen und Weihnachtssternen.

Fazit:

Es gibt zwei Gründe, um sich Knastladen.de näher anzuschauen: weil man ein soziales Herz hat und die Arbeit der Resozialisierung unterstützen möchte – oder weil man, unabhängig vom Produzenten, einfach auf der Suche nach interessanten Objekten ist.

Wer bei den vorgenannten Beispielen noch nichts gefunden hat: Neben der spezifischen Suche nach den Produkten einer einzelnen JVA ist auch die Suche nach Produktkategorien möglich. Dann kann auch nach Herzenslust bei Textilien, Deko-Objekten und Schmuck gestöbert werden. Darüber hinaus gibt es regionalpatriotische Produkte wie die Schlappen „Ich steh‘ auf NRW“ oder Pins, Backförmchen, Baumwollbeutel bzw. Kappen mit dem Schriftzug, dem Wappen oder den Umrissen Nordrhein-Westfalens.

Darüber hinaus weicht Knastladen.de noch in zwei Punkten deutlich von der privatwirtschaftlichen E-Commerce-Konkurrenz ab: Die Lieferung und Leistung unterliegt nicht der Mehrwertsteuer und die Preise verstehen sich als Endpreise inklusive Versandkosten.

 

*Im Rahmen der Meinungsfreiheit ist diese Äußerung, auch wenn sie vielleicht etwas spitz ist, noch im Toleranzbereich. Schließlich ging der hier angedeutete Fall, dass der Stundenlohn und der Verkaufspreis (zumindest zu Beginn) nicht im Einklang standen, landesweit durch die Medien.


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Über den Autor

Torsten Paßmann

Chefredakteur des Blogs. Verfügt über journalistische Erfahrung bei der Rheinischen Post und dem VentureCapital Magazin. War anschließend der Pressesprecher der Berentzen-Gruppe und steuerte dort auch die Investor Relations.


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