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Fundstück: „Recht auf Glück“ bei der Floskelwolke

17. August 2016 · Beitrag von Blog-Redaktion in den Kategorien: Vermischtes

Im März erst hatten wir einen Beitrag zum Recht auf Glück und was erschien faktisch parallel? Das Buch „Ihr Anliegen ist uns wichtig – So lügt man mit Sprache“ mit einem eigenen Unterkapitel zu genau diesem Thema. Wir haben uns das Buch mal angesehen.

Vom Projekt zum Preis zum Buch

Den täglichen Gebrauch von Phrasen, Floskeln und fragwürdigen Formulierungen in deutschsprachigen Medien spießen der Kölner WDR-Journalist Udo Stiehl und der Berliner Freiberufler Sebastian Pertsch seit etwas mehr als zwei Jahren ihrem ihrem sprach- und medienkritischen Webprojekt Floskelwolke auf. Auf der gleichnamigen Website floskelwolke.de veröffentlichen sie täglich um 10 Uhr die aggregierten Daten zu knapp ausgewerteten 2.000 Medien und setzen darüber hinaus noch auf Social-Media-Kanäle wie @Floskelwolke oder fb.com/Floskelwolke.

Mit dem Projekt haben die beiden definitiv einen Nerv getroffen: Die Zahl der Follower steigt kontinuierlich an, die Social-Media-Profile werden zum echten Dialog genutzt und auch der ein oder anderen Jury blieb die Leistung nicht verborgen. So wurde das Projekt im Jahr 2015 für den „Grimme Online Award“ nominiert und erhielt den „Günter-Wallraff-Preis für Journalismuskritik“.

Diesen März erschien dann bei Piper eine kommentierte Zusammenfassung der gesammelten Floskeln und Phrasen, das knapp über 200 Seiten starke Erstlingswerk des Autorenduos.

Das „Recht auf Glück“ als Aufhänger

Ihre Themenblöcke fassen Pertsch und Stiehl unter verschiedenen Überschriften wie „Verbraucher“, „Politik“, „Gesellschaft“ und „Wirtschaft“ zusammen. Darunter folgt eine weitere Aufschlüsselung, die (mal mehr, mal weniger) den Tenor des kommenden Blocks vorgibt – im Wirtschaftsblock zeigt sich das u.a. mit „Wirtschaftsgefasel“, „Schmerzhafte Einschnitte“, „Schwarze Nullen“ und „Chance“.

Und so wie die Autoren im letztgenannten Unterkapitel das in Bhutan in der Verfassung verankerte „Recht auf Glück“ als Aufhänger bzw. Einstieg nutzen, setzen auch wir auf diesen Anknüpfungspunkt für diesen Blog-Beitrag… Konkret heißt es im Buch:

„In Bhutan in Südasien steht in der Verfassung sinngemäß festgeschrieben, den Bürgern sollten alle Chancen gegeben werden, nach dem ‚Bruttoinlandsglück‘ zu streben. Die Anspielung […] soll markieren, dass das Glück vor dem wirtschaftlichen Erfolg zu rangieren hat.“

Inhaltlich derart ausgerüstet setzen die Autoren den Umgang mit Chancen und Chancengleichheit in unserem Kulturkreis entgegen. Das ist dann weniger die juristische Betrachtung, die wir gewählt haben, als vielmehr eine Auseinandersetzung mit Floskeln aus der wirtschaftlichen Perspektive.

Wie der überwiegende Rest des Buches ist auch diese Passage kurzweilig zu lesen. In der Summe zeigt sich in diesem kurzen Abschnitt aber ebenfalls die grundlegende Schwäche: Der Stoff lässt sich locker-flockig und leicht konsumieren, hat aber ein paar leere Kalorien zu viel – für den Moment ist der Geist gesättigt, nachhaltige Befriedigung stellt sich nicht ein.

Fazit:

Auf der Umschlagseite weckt der Verlag hohe Erwartungen beim Leser: „Was hinter verschleiernden Formulierungen wirklich steckt“.  Zwischen den Umschlagseiten mäandern die Autoren jedoch unentschlossen zwischen Kommentar, Glosse, Meinung und Analyse, wo eine konsequente journalistische Distanz oder eine wissenschaftliche Perspektive zu echter Substanz geführt hätte. Dazu neigen sie stellenweise selbst zu Floskel- und Phrasendrescherei.

Dennoch: Das Autorenduo benennt viele Bereiche, in denen sprachliche Nebelbomben gezündet werden, und es sensibilisiert für diese Bereiche – sowohl aus der Perspektive des Lesers als auch der des Schreibers. Unter dem Strich bleibt ein Buch, das sich beim Pendeln im öffentlichen Nahverkehr ebenso gut lesen lässt wie im Urlaub.


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