Start>Blog>Probieren geht über Studieren: Rigaer Schwarzer Balsam
Collage mit einer Drohnenaufnahme aus Riga, dem Riga Black Balsam sowie dem Schwarzhäupterhaus

Probieren geht über Studieren: Rigaer Schwarzer Balsam

14. November 2018 · Beitrag von Torsten Paßmann in den Kategorien: Kolumne

Wir hatten uns ja schon im April 2016 mit rechtlichen Aspekten von Craft Beer beschäftigt, später gab es verschiedene Beiträge über Gin. Heute beschäftigen wir uns mit der Degustation einer hierzulande eher seltenen Köstlichkeit. Wobei „köstlich“ ja immer einer Geschmacksfrage ist – auch uns insbesondere bei Rigaer Schwarzer Balsam.

Um was geht es eigentlich?

Bei der vorgestellten Spirituose handelt es sich um einen traditionellen lettischen Likör. Er wird aus Kräutern, Blüten, Ölen und Beeren hergestellt, der Alkoholgehalt beträgt 45 % vol.

Glaubt man dem Unternehmensmarketing (und/oder der Wikipedia), geht das Rezept für Rīgas Melnais balzams, (deutsch: Rigaer Schwarzer Balsam, englisch: Riga Black Balsam) auf vergleichsweise alte Rezepte von Apothekern zurück. Der formale Startpunkt liegt in der Mitte des 18. Jahrhunderts, als der Apotheker Abraham Kunze seinen Kunzer Balsam herstellte.

Zur Markenlegende gehört auch, dass er mit seinem Trunk die russische Zarin Katharina die Große heilen konnte, als diese sich in der Stadt aufhielt. Weiter heißt es, dass der Schwarze Balsam daraufhin „in Russland und der Welt bekannt“ wurde. Ob das (historisch) zutrifft, haben wir jetzt nicht überprüft. Aber wer einmal Riga besucht, findet dort ziemlich viele Läden explizit für den Schwarzen Balsam – und ihn faktisch auf jeder Karte in jeder Gastronomie.

Die Herstellung und der Vertrieb von Rīgas Melnais balzams liegen in der Hand der A/S Latvijas Balzams und abgefüllt wird er üblicherweise in Steinzeugflaschen verschiedener Größen. Gleichwohl findet man am Flughafen auch Plastikflaschen.

Erster Geschmackseindruck: medizinischer Kräuterbitter

Die schwere Steingutflasche macht haptisch schon etwas her: Sie liegt gut in der Hand und sie verspricht einen deutlich besseren Schutz des Geschmacks vor den negativen Einflüssen von Licht und Wärme als durchsichtige Glasflaschen. Auch das schwarze Etikett mit dem goldenen Prägedruck, dem Stadtwappen, dem lettischen Markennamen und der englischen Übersetzung vermittelt ein Gefühl von Wertigkeit.

Einmal geöffnet strömt eine leicht kräuterige Note in die Nase. Der Likör selbst ist von schwarzer Farbe und zeigt beim Einschenken eine leichte Viskosität.

Das Rezept ist selbstredend ein Geheimnis. Als bekannte Zutaten gelten u.a. die Kräuter und Medizinpflanzen Arnika, Baldrian, Pfefferminze, Wermut und Kalmuswurzeln, als Früchte Heidelbeeren, Himbeeren und Orangenschalen sowie als Gewürze Ingwer, Muskat und Schwarzer Pfeffer. Dazu werden auch Lindenblüten, Birkenknospen, Honig und Eichenrinde genannt. Aus dieser Mischung (und den ungenannten Zutaten, die zu der kolportierten Zahl von 24 Botanicals fehlen) ergibt sich ein bittersüßer Geschmack.

Im Regelfall wird sich das sensorische Erlebnis beim ersten Mal direkt im Gesicht widerspiegeln, der Schwarze Balsam ist für den unvorbereiteten Gaumen sprichwörtlich ein schwerer Schlag. Der Vergleich mit Underberg ist einerseits irreführend, andererseits eine gute Annäherung: Der Likör schmeckt wie ein medizinischer Kräuterbitter. Tatsächlich werden dem Getränk eine verdauungsfördernde Wirkung und hilfreiche medizinische Eigenschaften gegen zahlreiche Beschwerden zugesprochen.

Optionen zum Genuss

So schlimm kann es mit dem Geschmack aber nicht sein (auch wenn es etwas Gewöhnung braucht), denn in Lettland gilt der Schwarze Balsam quasi als Nationalgetränk. Ob die Einheimischen ihn grundsätzlich auch pur trinken oder lediglich selten, hängt von der befragten Quelle ab. Tatsächlich laufen die Trinkempfehlungen üblicherweise auf eine Mischung hinaus.

Im eiskalten lettischen Winter jedenfalls hebt die Kombination mit heißem Johannisbeersaft hervorragend die Laune (und grundsätzlich soll es sich dabei auch um ein Hausmittel gegen Erkältungen handeln). Weitere heiße Varianten werden mit Tee oder mit Kaffee getrunken. Als Riga Black Coffee (mit Sahne sowie Schokopulver und ggf. ein, zwei Kaffeebohnen zur Dekoration) sollte sich diese Variante in Riga auch häufig auf Speisekarten finden.

Dem Erfindungsreichtum sind an sich keine Grenzen gesetzt:

  • „Lettischer Mojito“: mit Apfelsinen, Zitronen, Eis
  • Fruchtiger Cocktail: hälftig gemischt mit Pfirsichsaft oder Cranberrysaft, aufgefüllt mit Eis
  • Wrong Island Iced Tea“: mit Wodka, Gin, Rum, Triple Sec, Tequila, Zitronensaft, Energy Drink

Als „Szenegetränk“ gilt übrigens auch die vergleichsweise banale Kombination mit Cola. Möglich ist zudem eine Art „Dessert für Erwachsene“ – und zwar mit warmer Milch, einer Kugel Vanilleeis und Schokostreuseln als Garnierung.

Wie bei eigentlich jeder Spirituose gilt auch hier (und angesichts des intensiven Eigengeschmacks ganz besonders): niemals überdosieren.

 

Quellen Titelbild, Teil „Luftaufnahme“: von Vivid_Cafe [ CC0 Creative Commons ], via Pixabay
Teil „Black Balsam“: von Kalnroze [CC BY-SA 3.0 ], via Wikimedia Commons
Teil „Schwarzhäupterhaus“: von falconp4 [ CC0 Creative Commons ], via Pixabay


Schlagworte: ,


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.